AUFTAKT

 

1. Was wäre aus dir geworden, wenn nicht Steinbildhauerin?

Als Kind war ich der festen Überzeugung, Naturforscherin werden zu müssen. Ich wusste zwar nicht, was man als Naturforscherin genau macht, aber ich war mir sicher, dass es mich glücklich machen würde. Irgendwie war das so ein diffus schönes Gefühl, wenn ich mich in Gedanken an meine vermeintliche Berufung als Naturforscherin aufhalten konnte. Aber mit einer soliden Vorstellung meiner beruflichen Zukunft hatte das wenig zu tun.

 

2. Kannst du zwei Dinge nennen, über die man deiner Meinung nach unbedingt verfügen muss, wenn man als Steinbildhauerin seinen Lebensunterhalt verdienen will?

Ich denke mal, es braucht in erster Linie viel Geduld: zum einen das Anfertigen einer Arbeit, zum anderen der Umgang mit sich selbst. Als Bildhauerin verbringt man viel Zeit mit sich alleine. Da muss man sich schon irgendwie mit sich selber verstehen, sonst kommt man leicht in existenzielle Grüblereien. Zweitens darf man keine Scheu vor handwerklichem Neuland haben, denn dem ist man eigentlich fast tagtäglich ausgesetzt. Die Arbeit beschränkt sich ja nicht nur auf den Stein. Ich bin irgendwie auch immer ein wenig Gärtnerin, Maurerin, Zuhörerin, Ideenentwicklerin, Modellbauerin, Gipserin, Metallbauerin, Philosophin – eben, eine Handwerkerin mit etwas mehr als nur zwei Händen.

 

3. Was an deinem Beruf ist typisch du?

Ich schätze, ich bin wie viele meiner Berufskolleginnen und -kollegen, ein sehr nachdenklicher Mensch mit einer ausgeprägten Tendenz, die Dinge immer zu hinterfragen. Diese Tendenz zeigt sich auch in der Art und Weise, wie ich Dinge wahrnehme und betrachte. Meistens, wenn ich Oberflächen von Alltagsgegenständen anschaue, aber auch von Gesichtern oder Händen, sehe ich, wie sie sich förmlich in ihre Einzelteile auflösen. Ich betrachte Dinge wohl eher wie Skulpturen, nehme sie in ihrer Form auseinander, ohne mir jedoch dessen bewusst zu sein. Und immer scheine ich das Steinige in den Dingen besonders wahrzunehmen. Ein simpler Kellerboden zum Beispiel kann mich alleine schon anhand seiner körnigen Struktur völlig faszinieren.

 

 

ANFÄNGE

 

4. Wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen, Steinbildhauerin zu werden?

Es gibt Tage, da frage ich mich das auch. Das sind dann so Tage, an denen mir alles weh tut, oder mir etwas so richtig misslungen ist und ich dann denke: «Mensch gegen Stein! Wer ist bloß je auf diese stupide Idee gekommen?» Aber ich glaube, für mich war einfach immer klar, dass ich etwas mit meinen Händen machen muss. Weshalb es dann in Richtung Stein ging, ist mir nach wie vor etwas schleierhaft. Irgendwie hat der Stein mich gefunden und nicht umgekehrt.

 

5. Gibt es ein besonderes Erlebnis aus deiner Kindheit oder Jugend, das irgendwie mit Stein zu tun hat und dich massgeblich prägte?

Ich war damals, glaube ich, noch im Kindergarten. Wir befanden uns auf der Schulreise und kamen an einem steinernen Flussbett vorbei, wo wir eine Pause einlegten. Da packten ein Junge und ich so viele Steine in unsere Rucksäcke, dass wir sie kaum noch tragen konnten. Wir fanden die einfach so unglaublich schön, dass wir sie lieber alle nach Hause schleppten, als uns auch nur von einem einzigen Stein zu trennen. Auf dem Rückweg wurden wir dann immer langsamer, weil unsere Rucksäcke natürlich viel zu schwer waren. Da wir dabei ganz offensichtlich das Tempo der Anderen bremsten, wurde die Kindergärtnerin bald auf uns aufmerksam. Als sie die schwere Ladung in unseren Rucksäcken entdeckte, verbot sie uns, die Steine weiter mitzuschleppen. Ich war extrem enttäuscht und konnte nicht verstehen, wie ein erwachsener Mensch es fertig brachte, den Wert dieser einzigartigen Steine so zu missachten. Dramatischer Höhepunkt dieser Kindheitsepisode war, dass ich damals dachte, ich sei Welten von zu Hause entfernt und würde nie mehr im Leben an diesen Ort zurückkehren können. Und so war ich überzeugt, dass die Steine für immer und ewig verloren seien. Heute weiß ich, es war irgendwo bei Alpnachstad, also ganz in der Nähe.

 

 

AUSBILDUNG

 

6. Wann, wo und bei wem hast du deine Ausbildung zur Steinbildhauerin gemacht?

Meine Lehre zur Steinbildhauerin machte ich 2004 - 2008 bei Alex Wicki in Sursee. Dass ich bei Alex meine Lehre machen durfte, war das Beste, was mir hatte passieren können. Von Anfang an beeindruckte mich sein Ehrgeiz, sich Dinge selber beizubringen, wie zum Beispiel das Bronzegießen. Er besaß zwar eine gewisse Strenge, mit der ich mich nicht immer einfach tat, aber im Nachhinein betrachtet, habe ich davon sehr profitiert: Während meiner ganzen Ausbildungszeit ließ er mich ausschließlich von Hand Stein hauen, was mich oft an die Grenzen meiner körperlichen Kräfte brachte. Heute verfüge ich jedoch genau deswegen über eine große Sicherheit im Umgang Steinen. Ihm war auch immer wichtig, dass ich das Erlernte vertiefe, um auf jeder Ebene der Bildhauerei möglichst viel Sicherheit zu erlangen. «Man lernt nie aus!» pflegte Alex so schön zu sagen. Er ist mir bis heute ein Mentor und ein Freund geblieben. Ohne ihn hätte ich den Schritt in die Selbständigkeit bestimmt nicht so früh gewagt.

 

7. War der Weg zur ausgebildeten Steinbildhauerin ein steiniger oder ist dir die Ausbildung leicht gefallen?

Obwohl ich dankbar bin, dass ich diesen Weg gegangen bin, war es für mich kein einfacher Weg. Ich hatte während der Ausbildung eine schwierige Zeit. Das hatte aber nichts mit der Ausbildung an und für sich zu tun, wie ich inzwischen weiß. Vielmehr lag es daran, dass ich mit dem Rhythmus der Fünftagewoche Mühe hatte. Das Gefühl von morgens bis abends arbeiten zu müssen, ließ sich nicht einfach so mit meinem Wesen vereinbaren. Ich war immer schon ein Mensch gewesen, der viel Zeit mit sich selber verbringen muss. Während der Ausbildung fühlte ich mich deswegen oft eingeengt, so als würde ich mich in einer Zwangsjacke aus Zeitnot befinden.

 

8. Viele Leute machen ja eine Ausbildung und verdienen danach in einem ganz anderen Beruf ihren Lebensunterhalt. Warum ist das bei dir nicht geschehen?

Ich habe nach der Ausbildung eine Weile der Bildhauerei den Rücken gekehrt und mir die Zeit genommen, herauszufinden, was mich wirklich erfüllt. Vielleicht ist das mitunter ein Grund, warum ich nun trotzdem mit der Bildhauerei mein Geldverdienen möchte: Ich habe in dieser Zeit gemerkt, dass mir die Arbeit am Stein fehlt und wie sehr es mich erfüllt, Dinge im kreativen Prozess zu erschaffen.

 

 

ALLTAG

 

9. Gibt es so etwas wie einen typischen Arbeitstag in deinem Beruf und falls ja, wie sieht der in etwa aus?

So etwas wie einen Arbeitsalltag kenne ich eigentlich nicht. Das Schöne an meinem Beruf ist ja gerade die Abwechslung: Mal sind die Tage ruhig und ich arbeite an Objekten, die eher meine feinmotorischen Fähigkeiten fordern und mal sind sie laut unterstrichen vom Lärm der Maschinen. Im Winter ist es da, wo ich arbeite, oft kalt und es hat Unmengen von Schutt und Staub. Aber an den gewöhnt man sich irgendwie. Mit der Zeit fängt man an, ihn zu lieben und manchmal, wenn ich nicht am Arbeiten bin, vermisse ich ihn sogar.

 

10. Existiert ein Stein, den du besonders magst?

Den gibt es tatsächlich! Am liebsten ist mir der “Serpentin Poschiavo”. Seit unserer ersten Begegnung ist er mir ein klein wenig sympathischer als andere Steine. Ich habe allerdings keine Erklärung dafür. Es ist einfach so.

 

11. Bist du auf Stein festgefahren oder gibt es auch andere Materialien, die es dir angetan haben?

Was das Material angeht, mit dem ich arbeite, bin ich sehr offen. Ich probiere für mich selber gerne neue Dinge aus, die dann auch mal scheitern dürfen. Insofern glaube ich, dass ich gut über den Stein hinaus denken kann, ihn jedoch nicht missen möchte.

 

12. Hast du eigentlich einen gefährlichen Job?

Wenn man mit Maschinen hantiert, die problemlos große Steine zerschneiden können, ist Vorsicht und ein gewisser Respekt immer angebracht, aber als gefährlich würde ich meinen Beruf nicht bezeichnen.

 

13. Arbeitest du in einer Männerdomäne?

In meiner Welt gibt es weder Männer- noch Frauendomänen.

 

14. Muss man für die Arbeit, die du machst, kreativ sein oder reicht es wenn man handwerklich begabt, pflichtbewusst und fleissig ist?

Manchmal wünscht man sich vielleicht, kreativer zu sein, denn Kreativität ist sehr wohl gefragt und nicht immer auf Befehl abrufbar. Beim Entwerfen neuer Auftragsarbeiten stellt das oft eine echte Herausforderung dar. Wenn ich es mir also leisten kann, lasse ich den Dingen etwas Zeit, um ohne Druck auf Ideen zu kommen, die mir dann als Grundgerüst für eine Auftragsarbeit dienen, so dass sie dann wie von selbst mit den Vorstellungen meiner Kundschaft übereinstimmt.

 

15. Findest du so etwas wie Erfüllung in deiner Arbeit?

Da gibt es diese Momente, wo ich nur Spitzeisen und Fäustel in den Händen haltend am Steinhauen bin, in denen ich manchmal so etwas wie Erfüllung verspüre. Oder wenn ein Werk plötzlich fertig dasteht und ich all die Arbeit sehen kann, die dahinter steckt, da bin ich dann schon auch mal ein klein wenig stolz auf mich selbst. In solchen Momenten weiß ich auch, warum ich mich für diesen Beruf entschieden habe.

 

 

GRABMALE

 

16. Du verdienst in deinem Beruf hauptsächlich Geld mit dem Anfertigen von Grabmalen. Was hast du für eine Beziehung zum Tod?

Ich würde sagen, dass ich eine sehr natürliche Beziehung zum Tod habe. Für mich ist er kein Tabu, im Gegenteil: Er regt mich zum Denken über meinen eigenen Tod an und führt so unweigerlich auch dazu, dass ich mir Gedanken über mein Leben mache.

 

17. Wie ist das, für Menschen Grabmale anzufertigen, die einen unter Umständen sehr schmerzhaften Verlust erlitten hatten?

Leider ist es aber so, dass der Tod für viele Menschen ein Tabuthema ist, dem sie jeweils sehr hilflos begegnen und sich deswegen gar nicht oder wenn, dann nur ungern mit ihm beschäftigen. Für mich ist es jedoch eine Ehre, den Verstorbenen eine Art Denkmal setzen zu dürfen und so ihr Leben zu würdigen. Es ist einfach sehr schön, wenn man mit seiner Arbeit nach dem Tod eines Menschen etwas Bezeichnendes hervorheben kann, das die Hinterbliebenen weiterhin an diesen Menschen erinnern wird.

 

 

KUNST

 

18. Aus Stein kann man ja auch Kunst machen. Machst du Kunst aus Stein?

Ich sehe mich eher als Handwerkerin und nicht als Künstlerin. Aber eigentlich ist die Steinbildhauerei ja ein Kunsthandwerk. Somit mache ich unwiderruflich aus Stein auch Kunst. Ich arbeite ja auch immer daran, mich noch intensiver mit dem Material Stein und dem Handwerk als Ganzes auseinanderzusetzen, um eine möglichst hohe Kunstfertigkeit darin zu erlangen. Das ist für mich Kunst, wenn man seine Materie vollkommen beherrscht.

 

19. Was treibt dich dabei an?

Die permanente Beschäftigung mit mir selber und vor allem meine Wahrnehmung der Umwelt sind die Motoren, die mich antreiben. Das kann zum Beispiel das Gesicht eines Gegenübers sein, das während dem Gespräch plötzlich vor meinem inneren Auge in seine Einzelteile zerfällt. Später, im Atelier fügt sich das Ganze dann in Form einer abstrakten Modelskizze wieder zusammen. So beginnt eine Arbeit Form anzunehmen. Während dem weiteren Entstehungsprozess kann sich dann das Eine oder Andere wieder ändern, weil ich auf der Suche nach der besten Umsetzung einer Vision oder Idee immer wieder Dinge verwerfe und Neues ausprobiere. Und je näher ich der perfekten Umsetzung einer Vision oder einer Idee komme, desto erfüllender wird die Arbeit.

 

20. Wie fühlt sich das an, vor einer eigenen beendeten Steinkreation zu stehen?

Das hat oft mit Abschiednehmen zu tun. Es gibt Momente, da werde ich richtig traurig, wenn ein Objekt das Atelier verlässt und seinen Platz irgendwo im Draußen einnimmt. Die zum Teil doch sehr intensive Beschäftigung mit dem Material, dem Objekt aber auch immer mit mir selbst ist plötzlich abgeschlossen und ich muss irgendwie weitergehen. Aber natürlich hat das auch immer etwas Befreiendes, eine Arbeit abzuschliessen.

 

 

AUSKLANG

 

21. Wenn dich Leute nach deinem Beruf fragen, gibt es da eine typische Reaktion auf deine Antwort?

Allerdings gibt es da eine typische Reaktion und die ist beinahe jedes Mal identisch: «Was, du bist Steinbildhauerin? Das hätte ich dir niemals gegeben. Du siehst gar nicht so aus wie eine Steinbildhauerin!»

 

22. Findest du, du siehst aus, wie jemand, die auf Steine einschlägt?

Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, wie eine Steinbildhauerin auszusehen hat. Und übrigens schlage ich nicht auf Steine ein, sondern ich forme sie.

 

23. Was, wenn du plötzlich deine Hände verlieren würdest?

Vermutlich würde ich dann etwas mit meiner Stimme machen. Jemand hat mir mal gesagt, dass ich dann wahrscheinlich spektakulär sonderbare Hörspiele produzieren würde. Wer weiß, wer weiß? Aber vorläufig habe ich ja meine Hände noch!

 

 

Interview: Annette von Goumoëns, 2014